ANNIE LONDONDERRY: DIE ERSTE FRAU, DIE AUF DEM FAHRRAD DIE WELT UMRUNDETE

September 1895: Eine junge jüdische Mutter aus Boston rollt siegessicher auf dem Fahrrad in Chicago ein. 15 Monate zuvor ließ sie ihren Mann und drei kleine Kinder zurück, um als erste Frau auf dem Fahrrad die Welt zu umradeln. Neben rund 11.200 Kilometern per Rad nutzte sie auch Bahn- und Schiffstransport und ihr Titel blieb nicht unumstritten, aber ein großer Sieg war ihr sicher: Sie wurde berühmt und gleichzeitig zu einem wesentlichen Symbol der Emanzipationsbewegung. Es war ihr Fahrrad, das ihr diese Freiheit schenkte.

Ihr Name war Annie Cohen Kopchovsky, aber sie reiste unter dem Namen Annie Londonderry, um damit ihren ersten Sponsor zu würdigen, die Londonderry Lithia Spring Water Company of New Hampshire, die sie finanziell unterstützte und deren Werbeplakette sie am Gepäckträger trug (später sollten viele weitere folgen). Sie war mit leichtem Gepäck unterwegs und trug nur ein Set Wechselkleidung und einen Revolver mit Perlmuttgriff in der Tasche.  

L.A.W.10_11_94

Angeblich war eine Wette zwischen zwei reichen Geschäftsmännern aus Boston die Motivation für das Abenteuer. Sie wetteten, eine Frau wäre nicht fähig, dieselben Dinge zu tun wie ein Mann: zum Beispiel auf zwei Rädern um die ganze Welt zu fahren, und zwar in 15 Monaten. Das hatte zuvor nur ein Mann geschafft. Es ging um 10.000 USD – ein echtes Vermögen im Jahr 1895.

Zu einer Zeit, in der Frauenrechte harsch diskutiert wurden, bekam die Wette einen durchaus dramatischen Charakter und das öffentliche Interesse an Annie’s Geschichte war kaum zu bremsen. Egal, ob die Wette wahr oder ausgedacht war: Fakt ist, eine mutige Frau machte sich auf den Weg, die Welt zu umradeln, sich selbst zu erfüllen und das vorherrschende viktorianische Bild der Frau zu zerschlagen. Das Fahrrad war ihre Flucht aus den festgezurrten familiären und gesellschaftlichen Erwartungen an feminines Verhalten, das bisher die Frauen den Männern klar unterordnete.  

Für Frauen wie Annie war das Fahrrad buchstäblich eine Befreiung. Das Gefühl die Hügel hinunter zu sausen, den Wind im Gesicht, aus eigener Kraft durch die Landschaften zu rollen… Eine Erfahrung, die viele Frauen in Amerika und Europa in den 1890er Jahren teilten, als das Fahrrad zum ersten Mal populär wurde. Als Annie die Stadt Boston auf dem Rad verließ, schrieb ein Reporter: “Sie segelte davon wie ein Drachenflieger in der Beacon Street”. Aber das Gefühl von physischer Befreiung setzte noch viel mehr in Bewegung: Die Möglichkeit und Freiheit, größere Entfernungen zu meistern, eröffnete den Frauen eine neue Welt, räumlich aber auch im übertragenen Sinne. Die Frauenbewegung wurde größer, immer mehr kämpften für ihr Wahlrecht, soziale Gerechtigkeit und ein Aufbrechen der traditionellen Frauenbilder.

Annie startete ihr Abenteuer auf einem fast 23 Kilogramm schweren Columbia Fahrrad, in Rock, Bluse und Jacke. 15 Monate später kam sie auf einem knapp 10 Kilogramm schweren Sterling Herrenrad nach Chicago zurück, in Radklamotten für Männer. Das hatte natürlich praktische Gründe – gleichermaßen wollte sie jedoch auch die Konventionen aufbrechen. In der Zeit auf dem Rad war sie stark und selbstbewusst geworden, sehr extrovertiert und natürlich extrem fit.  

 londonderry02

Annie sagte später, ihr Antrieb seien nicht nur die wachsenden Muskeln in ihren Beinen gewesen, sondern die Idee, eine “neue Frau” zu werden. Für sie bedeutete das, eine Frau zu sein, die alles machen kann, was ein Mann kann. Einige Monate nach Annies Rückkehr schrieb die bedeutende Frauenrechtlerin Susan B. Anthony, “das Fahrrad hat mehr für die Emanzipation der Frauen getan als irgendetwas anderes in der Welt.”

Annie Londonderry war meine Urgroßtante. Mein Interesse an ihr war zunächst von familienhistorischer Art, aber mir wurde schnell klar, wie revolutionär die simple Technik des Fahrrads war. Die Fortbewegung auf zwei Rädern mit eigenem Antrieb, war und ist immer noch befreiend. Das Fahrrad hat gezeigt, dass es nicht nur das Potential hat das Leben Einzelner zu verändern, sondern die Gesellschaft im Ganzen.

Zum Beispiel so, wie World Bicycle Reliefs Programme heute auf dem afrikanischen Kontinent. Tausende von Mädchen und Frauen lernen Radfahren und rollen auf zwei Rädern Richtung Zukunft und Unabhängigkeit. In einigen Geschichten dieser Mädchen und Frauen sehe und höre ich die Stimme meiner Urgroßtante Annie. Es ist als würde ihre Geschichte weiterleben – über die Jahrzehnte und Kontinente hinweg. 

Heute sowie zu Annies Zeiten, ist das Fahrrad ein Instrument für sozialen Wandel, für die Stärkung von Frauen und für wirtschaftliche Entwicklung. Ganz zu schweigen von seinem Potential, einige der größten Probleme unserer Zeit zu lösen, vom Klimawandel, über Zugang zu Gesundheitsversorgung bis hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft.  

Echter Wandel kann Jahrzehnte, Generationen oder sogar Jahrhunderte dauern. Einige Kämpfe müssen immer und immer wieder geführt werden – zu anderen Zeiten und an anderen Orten. Aber der Kampf bleibt derselbe. So wie der Kampf gegen Vorurteile von Männern gegenüber Frauen auf dem Fahrrad. Sie existieren tatsächlich auch heute noch in einigen Teilen der Erde.

Als ich vor ein paar Wochen ein Video von WBR sah, haben mich die Worte und Bilder von Mädchen und jungen Frauen aus Afrika von heute sehr berührt, weil sie genau widerspiegeln, was Annie Londonderry vor mehr als hundert Jahren erlebt hat. Ihr Weg über schlechte Straßen, hartes Terrain und mit minimaler Versorgung und Sicherheit – die Verhältnisse von Frauen im ländlichen Afrika ähneln denen, die Annie in den 1890er Jahren erlebt hat. Und dann die Worte der afrikanischen Frau:

“Jetzt, wo sie ein Fahrrad hat, wird sie niemand mehr aufhalten,” sagt Angelas Großmutter im Video. Sie sagt es beinahe in den gleichen Worten, die Annie schon benutzte: “Was ein Mann kann, kann eine Frau auch.”

Frei übersetzt ins Deutsche nach Peter Zheutlin

Peter Zheutlin ist freier Journalist und Autor aus Boston. Er schreibt regelmäßig für The Boston Globe und The Christian Science Monitor. Außerdem hat er für die Los Angeles Times, The San Francisco Chronicle, das AARP Magazine, Bicycling und viele andere geschrieben. Peter selbst ist ein leidenschaftlicher Radfahrer und hat neben sechs anderen Büchern auch dieses veröffentlicht: “Around the World on Two Wheels: Annie Londonderry’s Extraordinary Ride” (Citadel Press/Kensington, 2007).

___

Written by Peter Zheutlin

Peter Zheutlin is a freelance journalist and author whose work has appeared regularly in The Boston Globe and The Christian Science Monitor. He has also written for The Los Angeles Times, The San Francisco Chronicle, AARP Magazine, Bicycling and many more. Peter is an avid cyclist, the author of seven books including Around the World on Two Wheels: Annie Londonderry’s Extraordinary Ride (Citadel Press/Kensington, 2007).

View all author posts →

Tags: # # # # # # # # # # # # # # # # # # # #

×

Give the Power of Bicycles

Select Your Currency:
× Fundraise

Start Your Fundraiser

Where Are You?:
×

Schenke Mit Einem FAHRRAD Zukunft

WÄHLE Deine Währung: